TaxifahrerInnen in der Gewerkschaft

Taxi

Organisierungsversuche in einem prekären Bereich

In Berlin gibt es zurzeit über 7200 Taxen. Das bedeutet, dass neben den mitunter selbst fahrenden EigentümerInnen weit über 10 000 angestellte FahrerInnen auf dem »Bock« sitzen und noch etliche weitere Tausend den Taxischein in der Schublade haben. Laut statistischem Bundesamt waren 2010 87 Prozent der TaxifahrerInnen im Niedriglohnsektor beschäftigt. Das bedeutet, dass sie weniger als 80 Prozent des Durchschnittseinkommens erhalten – also derzeit weniger als 10,36 Euro brutto. Dennoch – oder eher deshalb – ist der gewerkschaftliche Organisierungsgrad von TaxifahrerInnen gering.

In den 80er und 90er Jahren war Taxifahren ein beliebter Nebenjob für Studierende. Die Löhne wurden individuell ausgehandelt, nicht alles lief über die Bücher. Wem die Arbeitsbedingungen nicht mehr zusagten, der oder die konnte problemlos in eine andere Taxi-Bude wechseln. Das wussten auch die UnternehmerInnen, wodurch eine informelle Verhandlungsmacht entstand. Die persönliche Aushandlung statt Tarifverträgen – und oft auch statt schriftlicher Arbeitsverträge – gibt es noch immer, auch die undokumentierten Lohnzahlungen. Nur mit der Verhandlungsmacht sieht es mau aus: Im Rahmen von Hartz IV wurde Erwerbslosen nicht nur zum Taxifahren geraten, sondern es schossen Taxischulen wie Pilze aus dem Boden, die mit Geldern vom Jobcenter erheblich mehr verdienten als mit den Kursgebühren der TeilnehmerInnen. Dauerhaft erwerbslos werden TaxifahrerInnen auch heute selten – aber bei jedem Jobwechsel werden die Bedingungen eher schlechter und können bestenfalls verteidigt werden. Die rechtliche Grauzone wird zur Entrechtung. Chefs können Mindestumsätze, Einsatzzeiten uns so weiter bestimmen, zahlen keinen Urlaub, wie überall im prekären Bereich. Also sollte es doch an der Zeit sein, von individuell und informell auf kollektiv und gesichert umzusteigen. Aller Anfang ist jedoch schwer. Wer will sich schon als erste/r im Betrieb als Gewerkschaftsmitglied zu erkennen geben, gar als »Funktionärsfreund « verschrien sein? Wer geht auch ohne unmittelbare Erfolgsaussichten gerne auf Treffen, verteilt in seiner Freizeit Flugzettel oder riskiert gar den Rauswurf?

In Berlin jedenfalls hat sich aus den wenigen TaxifahrerInnen, die aus unterschiedlichen Gründen Mitglieder der Gewerkschaft Verdi sind, ein fester Kreis von KollegInnen gebildet. Sie haben eine Tarifkommission gewählt und sind vor allem dabei, die KollegInnen an den Standplätzen über ihre Rechte aufzuklären. Dazu machten sie öffentliche Versammlungen, die auch für Nicht- Gewerkschaftsmitglieder zugänglich waren. Im Jahr 2011 war die Hauptaktivität eine Selbstbefragung über die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung im Berliner Taxigewerbe. In einer ersten Runde wurden Fragebögen an die Gewerkschaftsmitglieder verschickt, in einer zweiten Runde die Fragebögen an wartende Taxen am Berliner Hauptbahnhof verteilt. Der Rücklauf war in beiden Fällen bescheiden – bei den Organisierten etwa zehn Prozent, bei den Unorganisierten etwa fünf Prozent. Dies, obwohl sich die meisten KollegInnen bei der Verteilaktion zustimmend zu der Initiative äußerten! Das Ergebnis ist dementsprechend nicht repräsentativ für das Taxigewerbe. Alle Befragten haben keinen festen Stundenlohn – nur eine Umsatzprovision, durch die das unternehmerische Ausfallrisiko auf die Beschäftigten abgewälzt wird. Dies ist im Taxigewerbe in der ganzen BRD üblich. Die durchschnittliche Arbeitszeit pro Tag beträgt – inklusive Wartezeiten am Halteplatz – 10,4 Stunden, pro Woche sogar 51,44 Stunden! Zumindest das Wochenergebnis ist selbst als Durchschnittswert rechtswidrig, da laut Arbeitszeitgesetz die Maximalarbeitszeit von abhängig Beschäftigten 48 Stunden nicht überschreiten darf. Laut EU-Bestimmungen, die auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel dem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder der Feuerwehr, für Auseinandersetzungen sorgten, sind auch Wartezeiten als Arbeitszeiten anzusehen. Nebentätigkeiten, wie Tanken, Auto waschen und zur Werkstatt fahren, werden als Arbeitszeit nicht gesondert bezahlt, sondern als Selbstverständlichkeiten erwartet.