Auch das noch: Werkverträge im Handel

Basis

Berliner Handelsunternehmen setzen auf Lohndumping

Mittlerweile wundern sich ja bereits viele von uns, wenn sie etwa in einem Supermarkt einkaufen gehen und dort mindestens zwei unterschiedlich gekleidete MitarbeiterInnen antreffen. Die einen tragen in der Regel die klassische Arbeitsbekleidung des Supermarkts – die anderen nicht. Das damit so deutlich veranschaulichte, traurige Phänomen der Belegschaftsspaltung wird dabei durch ein arbeitsrechtliches Schlupfloch möglich: So genannte Werkverträge.

Gerade auch im Handel wird bereits in vielen Fällen auf solche als »Service-Dienstleister « bezeichneten Werkvertragsfirmen zurückgegriffen. Zu solchen Anbietern in diesem Bereich – auch in Berlin – gehört dabei das Unternehmen »Retail Instore Logistics« (RIL) aus Baden-Württemberg. Die Vorteile für die Berliner Handelsunternehmen liegen dabei klar auf der Hand: Während normale KollegInnen – etwa im Großhandel – in der Hauptstadt knapp zwölf Euro die Stunde verdienen, bekommt die Belegschaft der Werkvertragsfirma mit 6,12 Euro (Ost) nur etwa die Hälfte. Da der Mindestlohn für LeiharbeitnehmerInnen seit November 2012 bereits bei 7,50 Euro im Osten liegt, ist ein Werkvertrags-Mitarbeiter wesentlich günstiger.

Weiterhin fällt für das Handelsunternehmen auch die Verantwortung durch unbefristete Vollzeitverhältnisse weg. Denn darum muss sich nun auch die Werkvertragsfirma kümmern, die ihrerseits fast ausschließlich befristete Arbeitsverträge, Minijobs oder Teilzeit-Verträge anbietet. All das, was das Handelsunternehmen bei seiner eigentlichen Belegschaft unter den gegebenen Umständen also nur schwer oder gar nicht durchsetzen könnte, wird hinten herum einfach über die Werkvertragsfirmen faktisch in der Firma eingeführt. Neben dem Einzelhandel sind es auch Cash & Carry Großhandelsmärkte in der Bundeshauptstadt, in denen Werkvertragsfirmen wie die RIL eingesetzt werden. Als Beispiel kann hier der Metro-Markt am Ostbahnhof gelten. Eingesetzt werden Werkvertragsfirmen dort vor allem im Kassenbereich, aber auch bei der Warenverräumung oder der Leergut-Abwicklung. Für die KollegInnen bedeutet dies dann folgendes: Trotz einer – in nicht wenigen Fällen – existierenden kaufmännischen Ausbildung sind sie in einem prekären, befristeten Teilzeit-Arbeitsverhältnis mit schlechten Bedingungen angestellt, bei dem in der Regel auch noch mit Hartz IV aufgestockt werden muss, um über die Runden zu kommen.

Trotz dieser augenfälligen Ausbeutung ist der Widerstand dagegen eher verhalten. Zwar wissen die Stammbelegschaften vom traurigen Los ihrer WerkvertragskollegInnen – zu großem Widerstand führte das bisher aber nicht. Oftmals herrscht die Angst um den eigenen Arbeitsplatz vor, der auch bald durch die Werkvertragsfirma ersetzt werden könnte. Daneben wird von Unternehmensseite als Leitbild propagiert: Die KollegInnen sollen zwar gleichberechtigt arbeiten, aber ohne dass über die ungleichen Arbeitsbedingungen diskutiert wird. Dazu kommt, dass durch die hohe Fluktuation und die wechselnden Einsatzbereiche der MitarbeiterInnen aus der Werkvertragsfirma engere Beziehungen kaum möglich sind.

Und als sei das nicht genug, führt auch noch die oftmals schlechte Einarbeitung und ungenügende Anleitung durch die Werkvertragsfirma zu innerbetrieblichen Konflikten mit den KollegInnen und zu fehlender Solidarität von Seiten der Stammbelegschaft. Es wird sich erst zeigen müssen, wie lange Werkvertragsfirmen mit ihrer bisherigen Praxis durchkommen, ehe – analog zur Leiharbeitsbranche – halbwegs akzeptable Bedingungen festgesetzt werden. Es wird hier auf den politischen und gewerkschaftlichen Druck ankommen, den wir auf die Wirtschaft und Politik aufbauen!

Klar ist aber auch: Die Konzernspitzen werden weiterhin auf Entrechtung und Lohndumping setzen, egal unter welchem Namen. Es muss daher unsere Aufgabe als KollegInnen sein, uns so zu vernetzen und zu organisieren, dass wir uns gegen die Spaltungen und Ausbeutung der Unternehmensführung wehren können. Sicherlich alles andere als eine leichte Aufgabe.