Ausgequetscht wie eine Zitrone

Basis

Interview mit Anastasia Blinow, Leiharbeiterin im Pflegebereich, zu ihren Arbeitsbedingungen


Wie sah deine tägliche Arbeit aus, was waren deine Aufgaben?

Anastasia: Als Pflegehelferin in einer Leasingfirma wird man meistens überall eingesetzt. Man bekommt Einsätze in Altersheimen, Krankenhäusern, betreuten Wohnungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Einsätze auf unterschiedlichen Stationen, zum Beispiel Psychiatrie oder Chirurgie, bedeuten auch unterschiedliche Arbeitsabläufe. Generell handelt es sich um folgende Tätigkeiten: die BewohnerInnen beziehungsweise PatientInnen wecken oder zur Nacht vorbereiten, beim Waschen oder Duschen helfen, Mundhygiene durchführen, die Haut pflegen, beim An- und Auskleiden helfen, die Haare kämmen und so weiter. Das Essen auszuteilen und Getränke zu verteilen, das schmutzige Geschirr aus den Zimmern abzuholen – das alles gehört auch dazu. Hinzu kommt die Pflegedokumentation, das heißt Pflegeberichte schreiben und durchgeführte Tätigkeiten eintragen.

Der Bereich der Pflege wird ja sehr oft unter emotionalen Gesichtspunkten behandelt und beansprucht den ganzen Menschen. Konntest du das gut bewältigen oder waren deine Arbeitsbedingungen sehr stressig?

Anastasia: Meine Arbeitsbedingungen als Leasingkraft (LK) waren und bleiben stressig. Die werden auch so bleiben, weil die Situation in der Pflege generell nicht besser wird. Es ist nicht nur ein Problem der LK. Das Stammpersonal in Krankenhäusern befindet sich oft nicht in einer besseren Situation. Sie haben viele Probleme wie Personalmangel, Druck von ihren Chefs und eine wachsende Zahl an Aufgaben und Volumen der Arbeit. Die Festangestellten sind unsere Vorgesetzten, aber gleichzeitig auch unsere KollegInnen. Das ist eine schwierige Situation. Es hängt nicht nur von mir ab, ob ich am Arbeitsort auch als Kollegin wahrgenommen werde oder nur als jemand, dem man Befehle geben kann. Ich habe beides schon erlebt, dass ich als Kollegin mit Respekt und als Partnerin in der Arbeit wahrgenommen wurde; und dass ich so behandelt wurde, dass ich das Gefühl bekam, eine Gefangene oder eine Sklavin zu sein. Solche Momente erinnerten mich an die Meinung von Bekannten, die Leiharbeit als nichts anderes als moderne Sklaverei bezeichnen.

LeiharbeiterInnen sollen offiziell Zeiten mit besonders vielen Aufträgen abdecken oder die Krankheits- und Urlaubszeiten von KollegInnen überbrücken. Oft werden sie jedoch für ganz normale, regelmäßig anfallende Arbeiten eingeteilt. Wie war das bei dir?

Anastasia: Ich wechsle meine Arbeitsplätze jeden Tag. Und als LK bin ich gerade diejenige, die dafür da ist, die Arbeit derjenigen zu erledigen, die ausgefallen sind. Ich werde gerade dann gebucht, wenn der Kunde aufgrund Personalausfalls oder Personalmangels eine Aushilfe braucht. So betrachtet bin ich es gewöhnt für jemanden einzuspringen. Aber es gibt durchaus Stationen, die dauerhaft zu wenig feste Stellen haben und schon seit mehreren Jahren ständig LeiharbeiterInnen einsetzen.

Welche Auswirkung hat die Beschäftigung als Leiharbeiterin auf deinen Tagesablauf?

Anastasia: Mit meiner allerersten Firma war es echt grausam. Es war sehr frustrierend und deprimierend. Ich wusste nie, wann und wo ich heute arbeite und ganz schlimm war es, dass ich nicht wusste, ob ich heute überhaupt arbeite. Ich verbrachte die Tage in Erwartung auf eventuellen Dienst. Dieser Bereitschaftsdienst war unbezahlt. Ich wusste immer erst, wenn der Tag schon fast vorbei war, dass ich heute einen »freien Tag« hatte. Es führte dazu, dass ich nichts planen konnte. Mich zu verabreden war schwer, für Termine bei ÄrztInnen wurde erwartet, dass ich sie einen Monat im Voraus bei der Leiharbeitsfirma anmelde. Ich fühlte mich wie an die Firma gefesselt. Sogar am Abend erlaubte sich mein Arbeitgeber noch, mich anzurufen und mir kurzfristig noch eine Nachtschicht für den selben Tag »anzubieten«. Ich wurde unter Druck gesetzt. Es war sehr schwer, einen Dienst nicht anzunehmen.

Wenn ich krank war, bekam ich die Unzufriedenheit von Seiten des Arbeitgebers zu hören. Die Krönung war, dass, als ich wegen Krankheit ausfallen musste, die Koordinatorin mir am Telefon sagte, dass es nicht sozial sei, mich auf dem Rücken der anderen auszukurieren. Diese Aussage tat mir sehr weh. In dem Moment hatte ich verstanden: in dieser Firma spielt es keine Rolle, wie man sich anstrengt, egal wie viel Mühe man sich gibt, den Anforderungen des Arbeitgebers und den Kunden zu entsprechen, wie gut man versucht, seine Aufgaben zu erledigen. Es wird einfach nicht berücksichtigt. Die Hauptsache ist der Gewinn der Firma. Sie quetschten ihre MitarbeiterInnen wie eine Zitrone aus, und wer nicht mehr konnte, durfte einfach gehen.

Wie sah deine Entlohnung aus? Weißt du, ob du mit deiner Arbeit fest angestellte KollegInnen ersetzt hast, und ob diese mehr bekommen haben, zum Beispiel nach einem Tarif?

Anastasia: In meiner ersten Firma war die Entlohnung sehr schlecht. Jede fest angestellte Kollegin bekam mehr für die gleiche Arbeit, die ich auch erledigte. Bei meiner aktuellen Entlohnung weiß ich nicht, ob fest angestellte KollegInnen mehr oder weniger bekommen. Das Stammpersonal bekommt unterschiedliche Zuschläge und Zulagen – das sind arbeitsvertragsabhängige besondere Konditionen. Das wirkt sich auf das Endgehalt aus.

Gerade im Dienstleistungsbereich sind Beschäftigte im Berufsalltag oft alleine und auf sich gestellt. Gibt es da, wo du jetzt beschäftigt bist, einen Austausch untereinander?

Anastasia: Meine aktuelle Firma stellt einen Raum im Bürobereich zur Verfügung, wo man sich treffen kann. Sie bieten uns auch an, mit unseren Problemen zu kommen sowie untereinander und mit dem Büropersonal zu diskutieren. Ich bin leider dazu noch nicht gekommen, deshalb kann ich nicht sagen, ob es funktionieren würde, so meine Probleme zu lösen. Die Gespräche miteinander gibt es und sogar oft – allerdings ausschließlich, wenn wir uns beim Schichtwechsel treffen. Ich halte es für sehr nötig, dass wir uns organisieren. Ich habe diese Idee schon lange.

Was kannst du KollegInnen raten, die in einer ähnlichen Situation – also Leiharbeit bei sorgender Tätigkeit am Menschen – sind?

Anastasia: Lasst euch nicht unterkriegen!