Ob Nuriye, ob Kalle, wir bleiben alle!

Zwangssräumung

Widerstand gegen Verdrängung organisieren

Hallo Peter, du bist aktiv im Bündnis »Zwangsräumungen verhindern«. Seit wann gibt es diese Initiative und was sind eure Zielsetzungen?

Peter: Anlass sich zu dieser Initiative zusammen zu finden war die drohende Zwangsräumung von Nuriye Cengiz Anfang 2012. Diese sollte mit miesen Tricks aus ihrer Wohnung am Maybachufer 18 vertrieben werden. Nuriye Cengiz ist vielen von uns bekannt, da sie bei den Lärmdemos von Kotti & Co regelmäßig mit ihrem Rollstuhl an der Spitze der Demo fuhr.

Durch die aktive Öffentlichkeitsarbeit kam es dazu, dass sich viele mietenpolitisch aktive Gruppen und Einzelpersonen für das Thema Zwangsräumungen interessierten und begannen in der Initiative mitzuarbeiten. Aber auch andere von Zwangsräumung bedrohte MieterInnen nahmen Kontakt zur Initiative auf um Unterstützung zu bekommen und sich zu beteiligen.

Besonderes Interesse fand dann der Fall der Familie Gülbol in der Lausitzer Straße 8 in Kreuzberg. Dort wurde am 22. Oktober 2012 die Zwangsräumung der fünf-köpfigen Familie aktiv verhindert. Mehr als 150 NachbarInnen und FreundInnen der Familie und AktivistInnen verwehrten mit Sitzblockaden der Gerichtsvollzieherin sowie der Polizei den Zutritt zur Wohnung. Das war ein großer Erfolg und selbst Teile der bürgerlichen Presse berichteten durchaus positiv.

Am 14. Februar 2013 haben am frühen Morgen hunderte Menschen versucht die Zwangsräumung der Familie Gülbol in Kreuzberg zu verhindern. Ein massives Polizeiaufgebot setzte die Räumung schließlich durch. Wie bewertest du die Aktion insgesamt?

Peter: Auf den ersten Blick ist es eine Niederlage, die Wohnung wurde geräumt. Auf der anderen Seite stimmt es zuversichtlich, dass sich so viele Menschen versammelt haben und diese Zwangsräumung verhindern wollten. Eintausend Menschen sind mehr, als wir erwartet haben, und ein kraftvoller Ausdruck des Widerstandes gegen Verdrängung. Besonders die Vielfalt der Aktivitäten war beeindruckend. Hunderte von Menschen, die sich trotz der Kälte bereits um sechs Uhr morgens an den Sitzblockaden vor dem Haus beteiligten oder sich der Polizei in den Weg gestellt haben. Hinzu kommen die vielen Menschen, die Tee gekocht und Brötchen geschmiert und die Blockade aus ihren Fenstern mit Essen versorgt haben. Auch die Unterstützung mit Krach und Transparenten aus den Häusern war beeindruckend. Ein unglaublicher Dank allen NachbarInnen der Lausitzer Straße und des Reichenberger Kiezes, die durch ihre Solidarität vieles erst möglich gemacht haben.

Wie ist die Polizei an diesem Tag aufgetreten?

Peter: Der unverhältnismäßige und brutale Einsatz der Polizei an diesem Morgen brachte die anwesenden Menschen auf. Etwa 815 PolizistInnen und ein Hubschrauber waren im Einsatz um die Profitinteressen eines Vermieters durchzusetzen. Schlagstöcke und Pfefferspray kamen zum Einsatz. Nur so konnten sie die Räumung durchsetzen. Dennoch gelang es nach der Räumung eine spontane Demo durch Kreuzberg nach Neukölln durchzuführen, bei der auf die Schweinerei dieser Räumung aufmerksam gemacht wurde.

Wir konnten diese Zwangsräumung nicht verhindern, dennoch haben viele von uns den Eindruck, dass die Aktion eine gute und sinnvolle Sache gewesen ist. Wir lernen immer dazu. Deswegen gilt für uns das, was Ali Gülbol nach der Räumung gesagt hat: »Der Kampf hat gerade erst begonnen.«