Gegenseitige Hilfe statt Vereinzelung

DoroChiba

Interview mit Nobuo Manabe vom Internationalen Arbeitersolidaritätskomitee von Doro-Chiba aus Japan

Hallo Nobuo Manabe. Du hast im Juni Berlin als Vertreter des Internationalen ArbeiterInnen-Solidaritätskomitees von Doro-Chiba besucht, kannst du uns kurz etwas zu Doro-Chiba sagen?

Nobuo Manabe: Doro-Chiba ist eine aktive Eisenbahnergewerkschaft in der Präfektur Chiba. Die größte Bahngesellschaft dort heißt JR-Ost, eine privatisierte Teilgesellschaft der ehemaligen Japanischen Staatbahn, Japanese National Railways (JNR). Es gibt noch mehrere kleine – sogar winzige – private Bahngesellschaften. Doro-Chiba ist Teil einer gewerkschaftsübergreifenden japanweiten Bewegung von klassenorientierten Gruppen und Strömungen, auch in den großen Gewerkschaftsverbänden.

Was sind die Leitlinien und Prinzipien eurer Organisation?

Nobuo Manabe: Unsere Leitlinie ist die der klassenorientierten Arbeiterbewegung. Wir beschränken uns nicht auf eine sektorielle Perspektive, sondern haben immer auch die Interessen der gesamten ArbeiterInnenklasse im Auge. Wir gehen von der Unversöhnlichkeit der Interessen von ArbeiterInnenklasse und Kapital aus.

Steht ihr einer politischen Gruppierung nahe?

Nobuo Manabe: Doro-Chiba ist, um es klar zu sagen, keine Parteigewerkschaft. Die meisten Mitglieder von Doro-Chiba sehen sich als kämpferische GewerkschaftlerInnen. Einige Dutzende betrachten sich auch als kämpferische SozialistInnen oder revolutionäre KommunistInnen. Nur einige davon sind politisch organisiert. Eine Gewerkschaft ist eine Kampforganisation der Klasse und nicht Ableger oder Vasall einer Partei.

Macht ihr hauptsächlich Lohn-und Tarifkämpfe, oder auch politische Aktionen oder Demonstrationen?

Nobuo Manabe: Damit beginnt sogar die Geschichte von Doro-Chiba, denn wir entstanden aus einer Opposition in der früheren japanweiten Eisenbahnergewerkschaft Doro. Wir unterstützten den Kampf der Bauern gegen den Bau des Großflughafens Narita und kämpften ganz entschieden gegen die Privatisierung der japanischen Staatsbahn, auch mit Streiks. Doro-Chiba ist auf viele Arten mit anderen antikapitalistischen und demokratischen Bewegungen verbunden, schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten.

Wie ist allgemein die Gewerkschaftsbewegung in Japan zu verstehen? Sind die meisten Organisationen klassenkämpferisch orientiert, oder üben sie stattdessen eine korporatistische Partnerschaft mit den Unternehmen aus?

Nobuo Manabe: Die großen Gewerkschaften in Japan sind alle sozialpartnerschaftlich orientiert. Neben dem Dachverband Rengo – unter Kontrolle der DPJ – gibt es noch Zenroren, von der KPJ beeinflusst. Aber es gibt auch viele kleine Gewerkschaften, die man als Basisgewerkschaften bezeichnen kann. Doro-Chiba ist eine solche. Und es gibt »amalgamisierte Gewerkschaften«. Das muss man sich so vorstellen, dass Arbeiterinnen und Arbeiter in einem Stadtteil branchenübergreifend sich zu einer lokalen Gewerkschaft zusammenschließen. Das hat in Japan Tradition.

Ist es für Lohnabhängige in Japan eher üblich, oder eher eine politisches Bewusstsein erfordernde Ausnahme, in einer Gewerkschaft zu sein? Wie wirkt ihr der Vereinzelung der Beschäftigten entgegen?

Nobuo Manabe: Im Großen und Ganzen ist die Situation der in Deutschland relativ ähnlich. Der Vereinzelung wirken wir entgegen durch »Danketsu« auf Deutsch Solidarität –, worunter wir in erster Linie Verhalten, praktisches Handeln verstehen und nicht nur ein Lippenbekenntnis. Dazu gehören Qualitäten wie gegenseitige Hilfe, Einfühlungsvermögen, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Diese Dinge schaffen festen Zusammenhalt und ermöglichen, auch schwere Kämpfe gemeinsam zu führen.

Ihr habt gute Kontakte zur Anti-AKW-Bewegung, nicht erst seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Wie sind diese entstanden? Das ist für uns interessant, da in der BRD die Zusammenarbeit von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen keineswegs selbstverständlich ist. Verbindungen müssen erst bewusst erkämpft werden.

Nobuo Manabe: Doro-Chiba war schon vor der Reaktorhavarie von Fukushima gegen AKWs. Doro-Chiba unterstützte auch die erste Anti-AKW-Demo in Tokio nach dem Unglück und organisierte eine »ArbeiterInnenhilfe« für die BewohnerInnen der betroffenen Region. Auch das unabhängige Gesundheitszentrum in Fukushima wird unterstützt. Die großen sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaftsverbände waren immer für »die friedliche Nutzung der Atomenergie«. Nach der Reaktorkatastrophe reden die Gewerkschaftsführer mal so und mal so. Das ist nicht anders als in Deutschland. Aber es ist richtig, dass diese Zusammenarbeit bewusst erkämpft werden muss.

Habt ihr Verbindung zu internationalen Bewegungen?

Nobuo Manabe: Doro-Chiba baut erst seit 2003 systematisch internationale Solidarität auf. Zuvor waren wir – nach unserer Meinung heute – von einer »Inselmentalität « geprägt. Seit 2003 ist das anders. Wir haben seitdem sehr gute Beziehungen etwa zum KCTU Regionalverband Seoul in Südkorea und auch zu kämpferischen Gewerkschaften an der Westküste der USA, zum Beispiel der International Longshore and Warehouse Union (ILWU). Seit 2009 bestehen auch nach Deutschland gute Beziehungen, die wir weiter aufbauen und stärken wollen. Insbesondere mit dem Klassenkämpferischen Block Berlin möchten wir uns gern befreundet sehen.