Hände weg vom Mantel

Verdi

Tarifauseinandersetzungen im Handel in Berlin und Brandenburg

Für viele KollegInnen des Berliner Einzelhandels müssen die jüngsten Meldungen wie ein schlechter Scherz geklungen haben: Anfang des Jahres wurden die Manteltarifverträge, die wie üblich Regelungen zu Arbeitszeiten und Urlaubsansprüchen beinhalten, von den Arbeitgebern im Hauptverband des deutschen Einzelhandels (HDE) aufgekündigt. Ebenfalls auslaufen werden auch die Gehaltstarifverträge in Berlin und Brandenburg sowie auch im gesamten Bundesgebiet.

Aber es geht noch weiter: Bereits zwei größere Unternehmen verstärken bundesweit den Druck, in dem sie einfach aus dem Unternehmerlager der Tarifgemeinschaft austreten um sich überhaupt nicht mehr an die Tarife zu binden. Neben der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt, die sich mit diesem Austritt vermutlich vor allem Lohnerhöhungen sparen will, ist auch der Lebensmitteleinzelhändler und Baumarkt-Betreiber Globus aus dem Tariflager ausgetreten. Auch die Konzernspitze der Metro-Tochter Real setzt nach und fordert im HDE billigere Kassenkräfte und flexiblere Arbeitszeiten.

Dabei ist die Arbeit der KollegInnen sowieso schon stark durch prekäre Arbeitsbedingungen und zu wenig Geld fürs Nötigste geprägt. Immerhin zwölf Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel in der Bundesrepublik arbeiten nach Verdi-Angaben bereits jetzt schon für unter fünf Euro die Stunde!

Hier offenbart sich auch ein grundsätzliches Branchen-Problem: Die gewerkschaftliche Organisierung im Einzelhandel ist alles andere als hoch. Im Gegenteil: Wenn 30 Prozent der Belegschaft einer Filiale Mitglied einer Gewerkschaft sind, dann ist das schon gut. Das wissen wohl auch die Arbeitgeber und blasen nach den gerade so erreichten und trotzdem mageren Ergebnissen der letzten Tarifrunde für die KollegInnen nun zum Sturm auf die grundlegenden Tarifzugeständnisse – und das alles im Namen von Flexibilisierung und vermeintlich »zeitgemäßer« Effektivierung.

Die KollegInnen wehren sich aber dagegen. In Berlin waren es die Beschäftigten von Karstadt, die aufgrund des Austritts »ihres« Unternehmens aus dem Tarifvertrag als erste auf die Straße gingen und streikten. Mittlerweile gab es sogar die ersten betriebsübergreifenden Warnstreiks, bei denen auch KollegInnen von H&M, Thalia, Netto und einigen Edeka-Regiemärkten auf die Straße gingen. Bis zu 800 Beschäftigte versammelten sich auf dem Alex zu einer Kundgebung.

Ganz anders sieht es hingegen bei den KollegInnen der Berliner und Brandenburger Großhändler aus. Zum 1. Juli einigten sich hier Arbeitgeberverbände und Verdi bereits auf drei Prozent mehr Gehalt in 2013 und noch mal 2,1 Prozent in 2014.

Nur in einzelnen Berliner Betrieben des pharmazeutischen Großhandels kam es im Vorfeld der Verhandlungen zu Warnstreiks. Ebenso wie in Baden-Württemberg: Hier wurden die drei großen Pharmagroßhändler Phoenix, Sanacorp und Alliance mit Warnstreiks belegt, ehe es zur ersten Einigung im Bundesgebiet mit Signalwirkung kam. Konsequent einige Wochen bestreikt wurden aber im Juni auch die Großhandelslager der Edeka- Regionalgesellschaft in Nord-Bayern – ein klares Zeichen für die Arbeitgeber!

Vermutet werden darf darüber hinaus, dass Verdi ohnehin gerne die Verhandlung im Groß- und Außenhandel zügig zum Ende bringen wollte um sich dann ganz auf den Einzelhandel konzentrieren zu können. Allerdings dürfte auch die Arbeitgeberseite jetzt um einiges erleichterter sein. Ohne Anlieferungsprobleme und den insgesamt wesentlich höheren ökonomischen und gesellschaftliche Druck bei Streiks im Großhandel lässt es sich viel einfacher die Kampfmaßnahmen in den Einzelhandelsfilialen überstehen.

Für Verdi dürfte diese Tarifauseinandersetzung wohl eine zentrale Bewährungsprobe sein. Sollte sie in den Verhandlungen schmerzende Zugeständnisse machen müssen oder Verträge unterhalb ihrer eigenen Forderungen akzeptieren, dann dürfte das Ansehen bei den KollegInnen wohl gegen Null sinken. Darüber hinaus müsste klar sein, dass ein Einbruch hinter die bisher erkämpften Zugeständnisse den Einzelhandel praktisch noch stärker für mehr unzumutbare Arbeitsbedingungen und viel zu geringe Gehälter öffnet – der nächste Niedriglohnsektor mit mehr als drei Millionen Beschäftigten in Deutschland wäre damit nicht mehr zu leugnen.

Es liegt am Kampfeswillen der KollegInnen dies zu verhindern – und nicht zuletzt an uns! Wir alle sind fast tagtäglich KundInnen eines Einzelhandelsunternehmens, werden von KollegInnen beraten, informiert und abkassiert. Ohne den Druck von außen wird es wohl sehr schwer werden den Konzernspitzen einen Strich durch ihre Rechnung zu machen. Das aber muss doch unser Ziel sein, oder? Nur durch gemeinsame Aktionen und Vernetzung – zwischen KollegInnen verschiedener Branchen und Gewerkschaften – wird dieser defensive Abwehrkampf zum erfolgreichen Offensiv-Kampf um – letztlich – unsere gemeinsame Zukunft werden.